Glecaprevir

Evidenzniveau: L5 Vorhergesagte Indikationen: 10

Inhaltsverzeichnis

  1. Glecaprevir
  2. Glecaprevir: Von chronischer Hepatitis C zu HIV-Infektion
    1. Zusammenfassung
    2. Kurzübersicht
    3. Warum ist diese Vorhersage plausibel?
    4. Klinische Studien
    5. Literaturbelege
    6. Marktinformationen Schweiz
    7. Sicherheitshinweise
    8. Fazit und nächste Schritte
    9. Haftungsausschluss

## Pharmazeutischer Bewertungsbericht

Glecaprevir: Von chronischer Hepatitis C zu HIV-Infektion


Zusammenfassung

Glecaprevir (in der Schweiz als Maviret zugelassen) wird zur Behandlung der chronischen Hepatitis C eingesetzt. Das Vorhersagemodell schlägt als neue Indikation eine HIV-Infektion vor. Die vorhandenen Studien betreffen jedoch ausschliesslich die Behandlung von Hepatitis C bei Menschen mit HIV-Koinfektion und belegen keine Wirkung gegen HIV selbst. Die Vorhersage beruht daher weitgehend auf einer Modellassoziation.


Kurzübersicht

Punkt Inhalt
Ursprüngliche Indikation Chronische Hepatitis C
Vorhergesagte neue Indikation HIV-Infektion
TxGNN-Vorhersagewert 99,87 %
Evidenzniveau L1 formal (mehrere abgeschlossene Phase-3-Studien), aber nur indirekt: Die Studien belegen den Nutzen bei Hepatitis C, nicht bei HIV. Für die HIV-Indikation selbst faktisch L5
Marktstatus Schweiz Im Handel
Anzahl Zulassungen 1
Empfohlene Entscheidung Abwarten

Warum ist diese Vorhersage plausibel?

Zum Wirkmechanismus liegen in den zusammengestellten Daten keine Angaben vor. Glecaprevir ist jedoch ein Hemmer der NS3/4A-Protease des Hepatitis-C-Virus (HCV) und wird mit Pibrentasvir (NS5A-Hemmer) kombiniert eingesetzt. Eine direkte Aktivität gegen HIV ist nicht bekannt.

Der hohe Vorhersagewert spiegelt vermutlich die Nähe antiviraler Arzneimittel zu HIV-bezogenen Knoten im Wissensgraphen wider. Hinzu kommt, dass HIV und HCV häufig gemeinsam auftreten. Etwa 25–30 % der HIV-Infizierten in Europa und den USA sind laut Übersichtsarbeit auch mit HCV infiziert.

Eine realistische Lesart ist daher nicht «Glecaprevir gegen HIV», sondern «Heilung der Hepatitis C bei Menschen mit HIV». Das ist die bestehende Indikation in einer besonderen Patientengruppe und keine neue Indikation.


Klinische Studien

Studiennummer Phase Status Teilnehmer Wichtige Ergebnisse
NCT02738138 Phase 3 Abgeschlossen 153 EXPEDITION-2: Wirksamkeit und Sicherheit von Glecaprevir/Pibrentasvir bei HCV (Genotyp 1–6) mit HIV-1-Koinfektion; Endpunkt ist die HCV-Heilung
NCT03222583 Phase 3 Abgeschlossen 546 Randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert bei asiatischen Erwachsenen ohne Zirrhose, mit oder ohne HIV-Koinfektion; kein HIV-spezifischer Endpunkt erkennbar
NCT03235349 Phase 3 Abgeschlossen 160 Offene Studie bei asiatischen Erwachsenen mit kompensierter Zirrhose, mit oder ohne HIV-Koinfektion; HCV-Endpunkt
NCT02634008 Phase 3 Abgeschlossen 83 Pilotstudie bei kürzlich erworbener HCV-Infektion mit oder ohne HIV; das Regime basiert teils auf Paritaprevir/Ritonavir, nicht eindeutig auf Glecaprevir
NCT04042740 Phase 2 Abgeschlossen 45 PURGE-C: 4 Wochen Glecaprevir/Pibrentasvir bei akuter HCV, mit oder ohne HIV-1-Koinfektion
NCT03823911 Phase 4 Abgeschlossen 87 Kardiovaskuläre Ergebnisse nach HCV-Heilung bei HIV/HCV-Koinfektion; prüft keine Anti-HIV-Wirkung
NCT07040319 Phase 1/2 Rekrutierend 30 Pharmakokinetik und Sicherheit in der Schwangerschaft bei HCV mit oder ohne HIV

Literaturbelege

PMID Jahr Typ Zeitschrift Wichtige Ergebnisse
37671831 2023 Kohorte J Antimicrob Chemother Ansprechen auf Glecaprevir/Pibrentasvir bei HIV/HCV-Koinfektion in der Praxis; HIV ist mit niedrigeren Raten des anhaltenden virologischen Ansprechens verbunden, Daten ausserhalb von Studien sind spärlich
42850633 2026 Meta-Analyse Virol J Wirksamkeit direkt wirkender Virostatika bei akuter HCV, häufig bei Männern, die Sex mit Männern haben und mit HIV leben
41297677 2026 Einarmige Phase-3b-Studie J Hepatol 8 Wochen Glecaprevir/Pibrentasvir bei Erwachsenen mit akuter HCV
31284039 2019 Systematische Übersicht und Meta-Analyse Int J Antimicrob Agents 13 Studien mit 3082 Patienten; gepoolte SVR12-Rate 97,8 % bei chronischer HCV
39697370 2024 Studie aus der Praxis Clin Exp Hepatol Wirksamkeit und Sicherheit von Glecaprevir/Pibrentasvir bei HIV/HCV-Koinfizierten unter Bictegravir/Emtricitabin/Tenofoviralafenamid
31504702 2020 Pharmakologische Studie J Infect Dis Wechselwirkungen von Glecaprevir/Pibrentasvir mit HIV-Virostatika; Anwendung bei HIV-Koinfektion möglich
32754824 2020 Kohorte Adv Ther 8-Wochen-Regime bei therapienaiven Patienten mit kompensierter Zirrhose in der Praxis
29595065 2018 Übersichtsarbeit Expert Opin Pharmacother Proteasehemmer bei HCV; Hinweis auf häufige HIV-Koinfektion
30499343 2019 Übersichtsarbeit Future Microbiol Glecaprevir/Pibrentasvir bei chronischer HCV
29845496 2018 Übersichtsarbeit Hepatol Int Glecaprevir/Pibrentasvir: grössere Reichweite bei geringeren Kosten und kürzerer Therapiedauer

Alle Arbeiten betreffen Hepatitis C. Keine belegt eine antivirale Wirkung von Glecaprevir gegen HIV.


Marktinformationen Schweiz

Zulassungsnummer Produktname Darreichungsform Zugelassene Indikation
66472 Maviret Filmtabletten Synthetika Chronische Hepatitis C

Sicherheitshinweise

  • Arzneimittelwechselwirkungen: Insgesamt wurden 57 Wechselwirkungen erfasst. Die wichtigsten:
    • Schwerwiegend (Major): Rosuvastatin, Simvastatin, Edoxaban
    • Mittel (Moderate): u. a. Dexamethason, Esomeprazol, Omeprazol, Apixaban, Betrixaban, Cobicistat, Deferasirox, Metreleptin, Naldemedin, Troglitazon, Lusutrombopag, Revefenacin, Griseofulvin
    • Gering (Minor): u. a. Fidaxomicin, Naloxegol, Prucaloprid, Indacaterol
  • Hinweis zu HIV-Therapie: Eine Pharmakologiestudie (PMID 31504702) befasst sich mit Wechselwirkungen mit HIV-Virostatika. Bei Koinfektion ist die Begleitmedikation sorgfältig zu prüfen.
  • Hepatitis-B-Reaktivierung: Bei HCV-Therapie von Patienten mit HBV-Koinfektion ist das Risiko einer HBV-Reaktivierung zu beachten.

Für weitere Sicherheitsinformationen (Warnungen, Kontraindikationen) bitte die Fachinformation beachten.


Fazit und nächste Schritte

Entscheidung: Abwarten

Begründung:

  • Die Studien belegen die Heilung der Hepatitis C bei Menschen mit HIV, nicht eine Wirkung gegen HIV. Der Wirkmechanismus (HCV-NS3/4A-Protease) bietet keinen Ansatzpunkt gegen HIV, sodass der hohe Modellwert vermutlich ein Artefakt ist.
  • Die übrigen Vorhersagen (Hepatitis B, E und A, Tiermodelle, Flavivirus-Erkrankungen, seltene Entwicklungsstörung) haben keine tragfähige mechanistische oder klinische Grundlage. Bei Hepatitis A stammen die verknüpften Studien vermutlich aus einer fehlerhaften Zuordnung und betreffen HCV.

Um fortzufahren, wird Folgendes benötigt:

  • Präklinische Daten (Zellkultur), ob Glecaprevir eine Aktivität gegen HIV-Protease oder andere HIV-Ziele hat
  • Klärung, ob die Fragestellung als «HCV-Therapie bei HIV-Koinfektion» (bestehende Indikation, besondere Patientengruppe) neu formuliert werden soll
  • Angaben zum Wirkmechanismus (aus DrugBank)
  • Die Fachinformation von Swissmedic für Warnungen und Kontraindikationen, da die Sicherheitsprüfung sonst nicht abgeschlossen werden kann

    Haftungsausschluss

Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.



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