Glecaprevir
| Evidenzniveau: L5 | Vorhergesagte Indikationen: 10 |
Inhaltsverzeichnis
Glecaprevir: Von chronischer Hepatitis C zu HIV-Infektion
Zusammenfassung
Glecaprevir (in der Schweiz als Maviret zugelassen) wird zur Behandlung der chronischen Hepatitis C eingesetzt. Das Vorhersagemodell schlägt als neue Indikation eine HIV-Infektion vor. Die vorhandenen Studien betreffen jedoch ausschliesslich die Behandlung von Hepatitis C bei Menschen mit HIV-Koinfektion und belegen keine Wirkung gegen HIV selbst. Die Vorhersage beruht daher weitgehend auf einer Modellassoziation.
Kurzübersicht
| Punkt | Inhalt |
|---|---|
| Ursprüngliche Indikation | Chronische Hepatitis C |
| Vorhergesagte neue Indikation | HIV-Infektion |
| TxGNN-Vorhersagewert | 99,87 % |
| Evidenzniveau | L1 formal (mehrere abgeschlossene Phase-3-Studien), aber nur indirekt: Die Studien belegen den Nutzen bei Hepatitis C, nicht bei HIV. Für die HIV-Indikation selbst faktisch L5 |
| Marktstatus Schweiz | Im Handel |
| Anzahl Zulassungen | 1 |
| Empfohlene Entscheidung | Abwarten |
Warum ist diese Vorhersage plausibel?
Zum Wirkmechanismus liegen in den zusammengestellten Daten keine Angaben vor. Glecaprevir ist jedoch ein Hemmer der NS3/4A-Protease des Hepatitis-C-Virus (HCV) und wird mit Pibrentasvir (NS5A-Hemmer) kombiniert eingesetzt. Eine direkte Aktivität gegen HIV ist nicht bekannt.
Der hohe Vorhersagewert spiegelt vermutlich die Nähe antiviraler Arzneimittel zu HIV-bezogenen Knoten im Wissensgraphen wider. Hinzu kommt, dass HIV und HCV häufig gemeinsam auftreten. Etwa 25–30 % der HIV-Infizierten in Europa und den USA sind laut Übersichtsarbeit auch mit HCV infiziert.
Eine realistische Lesart ist daher nicht «Glecaprevir gegen HIV», sondern «Heilung der Hepatitis C bei Menschen mit HIV». Das ist die bestehende Indikation in einer besonderen Patientengruppe und keine neue Indikation.
Klinische Studien
| Studiennummer | Phase | Status | Teilnehmer | Wichtige Ergebnisse |
|---|---|---|---|---|
| NCT02738138 | Phase 3 | Abgeschlossen | 153 | EXPEDITION-2: Wirksamkeit und Sicherheit von Glecaprevir/Pibrentasvir bei HCV (Genotyp 1–6) mit HIV-1-Koinfektion; Endpunkt ist die HCV-Heilung |
| NCT03222583 | Phase 3 | Abgeschlossen | 546 | Randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert bei asiatischen Erwachsenen ohne Zirrhose, mit oder ohne HIV-Koinfektion; kein HIV-spezifischer Endpunkt erkennbar |
| NCT03235349 | Phase 3 | Abgeschlossen | 160 | Offene Studie bei asiatischen Erwachsenen mit kompensierter Zirrhose, mit oder ohne HIV-Koinfektion; HCV-Endpunkt |
| NCT02634008 | Phase 3 | Abgeschlossen | 83 | Pilotstudie bei kürzlich erworbener HCV-Infektion mit oder ohne HIV; das Regime basiert teils auf Paritaprevir/Ritonavir, nicht eindeutig auf Glecaprevir |
| NCT04042740 | Phase 2 | Abgeschlossen | 45 | PURGE-C: 4 Wochen Glecaprevir/Pibrentasvir bei akuter HCV, mit oder ohne HIV-1-Koinfektion |
| NCT03823911 | Phase 4 | Abgeschlossen | 87 | Kardiovaskuläre Ergebnisse nach HCV-Heilung bei HIV/HCV-Koinfektion; prüft keine Anti-HIV-Wirkung |
| NCT07040319 | Phase 1/2 | Rekrutierend | 30 | Pharmakokinetik und Sicherheit in der Schwangerschaft bei HCV mit oder ohne HIV |
Literaturbelege
| PMID | Jahr | Typ | Zeitschrift | Wichtige Ergebnisse |
|---|---|---|---|---|
| 37671831 | 2023 | Kohorte | J Antimicrob Chemother | Ansprechen auf Glecaprevir/Pibrentasvir bei HIV/HCV-Koinfektion in der Praxis; HIV ist mit niedrigeren Raten des anhaltenden virologischen Ansprechens verbunden, Daten ausserhalb von Studien sind spärlich |
| 42850633 | 2026 | Meta-Analyse | Virol J | Wirksamkeit direkt wirkender Virostatika bei akuter HCV, häufig bei Männern, die Sex mit Männern haben und mit HIV leben |
| 41297677 | 2026 | Einarmige Phase-3b-Studie | J Hepatol | 8 Wochen Glecaprevir/Pibrentasvir bei Erwachsenen mit akuter HCV |
| 31284039 | 2019 | Systematische Übersicht und Meta-Analyse | Int J Antimicrob Agents | 13 Studien mit 3082 Patienten; gepoolte SVR12-Rate 97,8 % bei chronischer HCV |
| 39697370 | 2024 | Studie aus der Praxis | Clin Exp Hepatol | Wirksamkeit und Sicherheit von Glecaprevir/Pibrentasvir bei HIV/HCV-Koinfizierten unter Bictegravir/Emtricitabin/Tenofoviralafenamid |
| 31504702 | 2020 | Pharmakologische Studie | J Infect Dis | Wechselwirkungen von Glecaprevir/Pibrentasvir mit HIV-Virostatika; Anwendung bei HIV-Koinfektion möglich |
| 32754824 | 2020 | Kohorte | Adv Ther | 8-Wochen-Regime bei therapienaiven Patienten mit kompensierter Zirrhose in der Praxis |
| 29595065 | 2018 | Übersichtsarbeit | Expert Opin Pharmacother | Proteasehemmer bei HCV; Hinweis auf häufige HIV-Koinfektion |
| 30499343 | 2019 | Übersichtsarbeit | Future Microbiol | Glecaprevir/Pibrentasvir bei chronischer HCV |
| 29845496 | 2018 | Übersichtsarbeit | Hepatol Int | Glecaprevir/Pibrentasvir: grössere Reichweite bei geringeren Kosten und kürzerer Therapiedauer |
Alle Arbeiten betreffen Hepatitis C. Keine belegt eine antivirale Wirkung von Glecaprevir gegen HIV.
Marktinformationen Schweiz
| Zulassungsnummer | Produktname | Darreichungsform | Zugelassene Indikation |
|---|---|---|---|
| 66472 | Maviret Filmtabletten | Synthetika | Chronische Hepatitis C |
Sicherheitshinweise
- Arzneimittelwechselwirkungen: Insgesamt wurden 57 Wechselwirkungen erfasst. Die wichtigsten:
- Schwerwiegend (Major): Rosuvastatin, Simvastatin, Edoxaban
- Mittel (Moderate): u. a. Dexamethason, Esomeprazol, Omeprazol, Apixaban, Betrixaban, Cobicistat, Deferasirox, Metreleptin, Naldemedin, Troglitazon, Lusutrombopag, Revefenacin, Griseofulvin
- Gering (Minor): u. a. Fidaxomicin, Naloxegol, Prucaloprid, Indacaterol
- Hinweis zu HIV-Therapie: Eine Pharmakologiestudie (PMID 31504702) befasst sich mit Wechselwirkungen mit HIV-Virostatika. Bei Koinfektion ist die Begleitmedikation sorgfältig zu prüfen.
- Hepatitis-B-Reaktivierung: Bei HCV-Therapie von Patienten mit HBV-Koinfektion ist das Risiko einer HBV-Reaktivierung zu beachten.
Für weitere Sicherheitsinformationen (Warnungen, Kontraindikationen) bitte die Fachinformation beachten.
Fazit und nächste Schritte
Entscheidung: Abwarten
Begründung:
- Die Studien belegen die Heilung der Hepatitis C bei Menschen mit HIV, nicht eine Wirkung gegen HIV. Der Wirkmechanismus (HCV-NS3/4A-Protease) bietet keinen Ansatzpunkt gegen HIV, sodass der hohe Modellwert vermutlich ein Artefakt ist.
- Die übrigen Vorhersagen (Hepatitis B, E und A, Tiermodelle, Flavivirus-Erkrankungen, seltene Entwicklungsstörung) haben keine tragfähige mechanistische oder klinische Grundlage. Bei Hepatitis A stammen die verknüpften Studien vermutlich aus einer fehlerhaften Zuordnung und betreffen HCV.
Um fortzufahren, wird Folgendes benötigt:
- Präklinische Daten (Zellkultur), ob Glecaprevir eine Aktivität gegen HIV-Protease oder andere HIV-Ziele hat
- Klärung, ob die Fragestellung als «HCV-Therapie bei HIV-Koinfektion» (bestehende Indikation, besondere Patientengruppe) neu formuliert werden soll
- Angaben zum Wirkmechanismus (aus DrugBank)
- Die Fachinformation von Swissmedic für Warnungen und Kontraindikationen, da die Sicherheitsprüfung sonst nicht abgeschlossen werden kann
Haftungsausschluss
Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.